Bodo Janssen: „Die stille Revolution“ – Ein persönlicher Blickwinkel auf die Kölner Filmpremiere

 

TLDR / Info für Eilige: Klare Empfehlung (8/10 Punkten) – mit dem Hinweis, nicht allzu viel Praxistransfer zu erwarten, sondern sich auf gleichermaßen philosophische wie pragmatische Inspiration einzulassen.

Zum Film „Die stille Revolution“

Am 21.03.2018 besuchten wir die Kölner Filmpremiere von „Die stille Revolution“ – ein filmischer Beitrag zum unternehmerischen Gestalten von Bodo Janssen (mit anschließender Podiumsdiskussion der Macher).

  • Der Film ist in jedem Falle sehenswert und an vielen Stellen inspirierend. Er macht allen Mut, die eine innere Sehnsucht nach einem „Mehr“ im Beruf verspüren: mehr Sinn, mehr persönliche Entwicklung, mehr zwischenmenschliche Nähe – mehr „Berufung“.
  • Es war zu spüren, wie innig sich die interviewten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dem Geschäftsführer Bodo Janssen verbunden fühlen.
  • Der Film ist keine Dokumentation im klassischen Sinne. Statt eines moderierenden Erzählers kommen ausschließlich die Stimmen und Perspektiven unterschiedlicher Personen zu Gehör: Neben dem Initiator Bodo Janssen auch Wegbeleiter und Angestellte seiner Hotelkette „Upstalsboom“ sowie Philosophen, Politiker, Unternehmensberater und Geistliche.
  • Filmisch bot der Beitrag sehr schöne Impressionen. Der Film zieht den Betrachtenden durch die langsame Art der Erzählung in seinen meditativen Bann. Doch darauf muss man sich einlassen (wollen).
  • Im Film wurden „große“ Fragen und Themen diskutiert: Wer bin ich? – Welcher Sinn liegt in meinem Tun?

 

Wertewandel im Unternehmen – und die große Frage nach dem Sinn

Bodo Janssen ist neue Wege gegangen und ist damit zum Leuchtturm einer größeren Bewegung für Kulturwandel in Unternehmen geworden. Darauf zahlt der Film 100% ein. Der Film hätte jedoch darüber hinaus sicherlich auch das Potenzial gehabt, den Schritt vom philosophischen Impuls hin zum Praxisbeispiel zu machen. Damit wäre er für uns noch handfester und damit mehrwertiger geworden.

Wer sich schon mit dem Bereich des Wertewandels im Unternehmen befasst hat, hört die bereits bekannten Aussagen der bereits bekannten Köpfe: Götz Werner, Anselm Grün, Gerald Hüther, Sebastian Purps-Pardigol, Thomas Sattelberger, … – Das ist alles gut und richtig – und nicht mehr ganz taufrisch. Spannender (für uns) wäre gewesen, die klugen Aussagen in einen konkreten Anwendungskontext zu stellen. Und zwar nicht als „Exkursion“ (Stichwort Kinder und Afrika und Besteigung des Kilimandscharo), sondern innerhalb des Arbeitskontextes.

Viele kluge Köpfe aus der Republik durften weise Sätze sagen. Das war tiefgründig und philosophisch – sogar mit teilweise hoher sprachlicher Präzision und Differenzierung (was uns sehr gut gefallen hat). Und doch: Irgendwann haben wir uns neben den Sprüchen aus der Glückskeks-Fabrik auch gewünscht, das ganz alltägliche Arbeitsleben der Upstalsboomer kennenzulernen. Wir wollten wissen, wie sie ihre Arbeit im Alltag anders erleben. Uns hat interessiert, ob sie auch dort ihre Berufung gefunden haben – nicht nur beim karitativen Einsatz für Kinder in Afrika.

Was hat es mit dem Sinn im Beruf wirklich auf sich? – Wer für einen Naturschutzverband, eine karitative Einrichtung, als Ärztin, Feuerwehrmann, Polizistin – oder vielleicht auch bei Google und Apple arbeitet, kann sich von außen betrachtet relativ leicht einen (höheren) Sinn seines / ihres Tuns ableiten. Doch wie sieht es aus mit den  Buchhaltern und Controllerinnen, den Beschäftigten in einem Industrieunternehmen – oder eben jenen in einem Hotelbetrieb?

Wir sind davon überzeugt, dass auch hier ein Sinnerleben möglich ist. Uns hätte fasziniert zu erfahren, ob und wie die Upstalsboomer dies für sich formulieren. – Oder ob Sinn eben doch nur in externen Abenteuern erlebbar wird.

Wovon hätte weniger mehr bedeutet?

Für unseren Geschmack hätte ein Tick weniger Heldenverehrung für Bodo Janssen dem Film gutgetan. Nach der gefühlt 20. Einstellung, die Bodo in meditativer Stimmung zeigt – am Waldrand, unter einem Baum, auf dem Segelboot, im Hamburger Hafen, im Ozean-Aquarium, auf den Horizont blickend, im Kloster, … , hatte man das Gefühl, ausreichend die kontemplative Ader der Hauptperson des Films verstanden zu haben. Etwas weniger Personenkult hätte uns besser gefallen.

Man muss dem Film zugutehalten, dass er auch kritische Stimmen enthielt. So sprachen einige von „Wertediktatur“ und einem „Kolonialismus der Werte“ seitens des Gründers. Das war eine wohlwollende Gegenposition.

Was ist uns persönlich sonst noch im Gedächtnis geblieben?

  • Das „Unternehmen als Wachstumsraum für Menschen“ (Götz Werner, Gründer der dm-Drogeriemärkte)
  • Profit als Grundlage für die unternehmerische Tätigkeit – nicht als deren Zweck.
  • „1 Gramm Praxis wiegt schwerer als 1 Tonne Theorie.“ (Bodo Janssen)
  • Etymologische Schmankerl: Der Begriff „Manager“ wurde das erste Mal im 19. Jahrhundert an die Absolventen einer Zirkusschule vergeben – die Pferde in der „Manege“ führen konnten.
  • Wortgewandtheit: „Angestellte werden morgens angestellt und abends abgestellt – und in der Zwischenzeit hofft man, dass sie nichts anstellen“ (Prof. Fuchs, Wirtschaftsphilosophie)
  • Menschen sollten nicht versuchen, an der Oberfläche zu glänzen, sondern von innen heraus zu leuchten.

Fazit

Ein sehenswerter Film für alle Menschen mit einer Sehnsucht nach einer menschlicheren und sinnhafteren Arbeitswelt. Der Upstalsboom Weg ist sicherlich nicht für jedes Unternehmen zu gehen – aber als Inspirationsquelle und Anregung für die Übersetzung in den eigenen Kontext kann dieses Leuchtturmprojekt in jedem Fall dienen. Und der Film ist ein erster Wegweiser in diese Richtung.

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